391. "Ein Amerikaner in Europa wundert sich." Die Presse (June 13, 2002).


Die erbarmungslose Kritik am sogenannten "Brief aus Amerika", in dem der Krieg gegen den Terrorismus ein gerechter genannt wurde, begann, als jemand aus meiner deutschen Zuhörerschaft mich mit der Feststellung überraschte: "Sie sind wegen des Öls in Afghanistan!" Als ich geschockt "Öl" wiederholte, verbesserte er sich: "Nun, wegen der Pipeline." (Dabei bezog er sich auf eine geplante Ölleitung von Turkmenistan durch Afghanistan zu einem Hafen am Arabischen Meer.)

Grund für meinen Aufenthalt in Deutschland und die Diskussion des Themas ist, daß ich einer der 60 Intellektuellen bin, die den "Brief aus Amerika" unterzeichnet haben. Ebenfalls unterschrieben haben unter anderem Francis Fukuyama, Sam Huntington und Michael Walzer.

Als ich später einem Kollegen von der Humboldt-Universität (Claus Offe) sagte: "Sie werden nicht für möglich halten, was man mir als wahren Grund für unsere Präsenz in Afghanistan genannt hat", antwortete er in aller Ernsthaftigkeit: "Aber es gibt in benachbarten Ländern Öl."

Wir haben den Krieg mit drei Gründen gerechtfertigt: Schutz Unschuldiger, Schaden zu erleiden (im Unterschied zu einfacher Selbstverteidigung), eine klar vorhandene Gefahr (im Gegensatz zu einer hinterfragbaren Bedrohung) und daß die Situation nicht durch Verhandlungen, Appelle an die Vernunft oder ähnliches plausibel gemildert werden kann.

"Sie sollten Kritik üben"

Bei der vom Aspen Institut in Berlin organisierten Diskussion argumentierte Ekkehart Krippendorff von der Freien Universität, ein bekannter linksgerichteter Professor, daß es im Prinzip falsch sei, wenn Intellektuelle eine Regierung unterstützen. "Sie sollten Kritik üben; man weiß nie, was eine Regierung mit ihrer Macht tun wird." Während eines Abendessens nach der Debatte sagte die Grüne Andrea Fischer, ein Mitglied des deutschen Parlaments, daß jede schwülstige moralische Unterstützung für einen Krieg im besten Fall lästig ist: "Sagt einfach, es ist zur Selbstverteidigung."

Am selben Tag zitierte ein Kollege im Zentrum für Sozialwissenschaften in Berlin ein in den USA zirkulierendes Gegenstatement der Linken, das sich über unseres lustig macht, uns Kriegszelebranten nennt und behauptet, daß sich die Vereinigten Staaten das Selbstverteidigungsrecht angeeignet haben. Ich wurde gefragt: "Wo ist das Recht Vietnams oder des Sudan, sich selbst zu verteidigen?"

Ich fragte die Zuhörer: "Es ist nur fair, daß Sie dem Tun der USA kritisch gegenüberstehen. Wenn es je gerechtfertigt ist, in einen Krieg zu ziehen, was sind Ihre Kriterien für einen Aufruf, zu den Waffen zu greifen?" Als ich auf keine Reaktion stieß, fragte ich, ob der Kampf gegen Hitler gerechtfertigt war. Dies brachte mir viel zustimmendes Kopfnicken, aber auch eine Stimme vom Ende des Raums: "Saddam ist kein Hitler, Scharon kommt ihm nahe."

In Afghanistan richteten wir bedauerlicherweise kollateralen Schaden an, aber parallel dazu verzeichneten wir auch Gewinne. Während wir nicht nur darauf aus waren, die Frauen zu befreien, denen man das Recht auf Arbeit, Bildung, Bewegungsfreiheit außerhalb ihrer vier Wände und Freude an anderer Kultur als Gebet genommen hatte, brachten wir Millionen von Afghanis Freiheit.

In Ruanda wurde eine halbe Million Menschen mit Macheten hingeschlachtet. Sollten wir gewaltsam intervenieren, wenn sich ein weiterer derartiger Genozid abzeichnet? Eine Diskussionsteilnehmerin meinte, daß die Vereinten Nationen eingreifen sollten. Letztes Mal sei dies nicht möglich gewesen, da die USA ihre Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt hätten.

Wie in Srebrenica?

Angesichts der Kritik am US-Eingreifen fragte ich, warum die EU nicht einschreitet. Und ob ihnen das Verhalten holländischer Friedenstruppen in Srebrenica lieber ist, wo Serben 7000 Muslime abschlachteten, während sich die Friedenstruppen weigerten, zu deren Verteidigung auch nur einen Schuß abzufeuern. Ich argumentierte, daß der kollaterale Schaden des Nichteinschreitens viel höher war als unserer. Ich betonte, daß wir unser Bestes gäben, um parallel laufenden Schaden zu minimieren, während ihre Weigerung, einzugreifen, Zeichen einer bedächtigen Politik sei. Die Reaktion darauf? Mir wurde gesagt, daß sich die "offizielle" Zahl ziviler Todesopfer in Afghanistan auf 50.000 beläuft und daß niemand weiß, was sich wirklich abgespielt hat, da Journalisten ausgesperrt würden.

An der Stelle gab ich auf. Ich konzedierte, daß sie es sich leisten können, De-facto-Pazifisten zu sein, solange wir die Bösen sind, bereit, sie zu retten. Wer hat Westberlin frei gehalten? Unsere Luftbrücke! Wer hat Hitler gestoppt? Die Holländer? Die Franzosen? Wer hat der militärischen Expansion des Kommunismus in Europa Einhalt geboten?

Jürgen Kocka, ein bekannter Historiker, sagte: "Sie haben verdammt recht. Ohne USA wäre ich als Nazi aufgewachsen. Ich bin ewig dankbar." Er hat meine Reise lohnenswert gemacht, obwohl einige 100 Millionen andere in der EU offensichtlich noch erreicht werden müssen.

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